In Resonanz gehen

Ein Raum aus Klang, Zeit und Bewegung

Es gibt Bilder, die beginnen lange bevor der erste Strich auf dem Papier sichtbar wird. Sie entstehen in Zwischentönen, in Restgeräuschen, in Übergängen von einem Zustand in den nächsten. Bevor ich zeichne, bin ich vor allem in Resonanz. Mit Klängen, Erinnerungen, Räumen, Bewegungen. Diese Seite ist der Versuch, diesen inneren Resonanzraum sichtbar zu machen.

Wenn ich von Resonanz spreche, meine ich mehr als ein Echo. Ein Echo wiederholt nur das, was schon da war. Resonanz dagegen verändert beide Seiten: das, was schwingt, und das, was zum Mitschwingen gebracht wird. In meiner Arbeit als Künstler und Kommunikationsexperte ist Resonanz der Moment, in dem etwas zusammenpasst, das vorher getrennt war. Gedanke und Gefühl, Klang und Bild, Körper und Linie, Innenwelt und Außenwelt.

Ein Großteil meiner künstlerischen Biografie lässt sich in Linien, Flächen und Farben erzählen. Doch unter diesen sichtbaren Spuren liegt eine unsichtbare Schicht aus Erfahrungen, Einflüssen und Zuständen, die genauso wichtig ist: Musik, die mich seit meiner Kindheit begleitet. Bilder, vor denen ich Stunden verbracht habe. Fahrten durch Landschaften, in denen die Welt hinter der Scheibe zu einem einzigen Fluss aus Farbe wurde. Gespräche, in denen ein Satz plötzlich etwas öffnet, das lange verschlossen war.

Diese Herleitung beschreibt, woher die Bewegungen kommen, die sich heute in meinen Bildern verdichten. Sie folgt den Schwingungslinien eines Lebens: wiederkehrenden Themen, wiedererkannten Mustern, alten Impulsen, die sich an neuen Stellen melden.

Ich verstehe meine Kunst als Denkbewegung selbst. Die Linie ist der Weg. Wenn ich zeichne, verhandeln Hand, Auge, Ohr und Bewusstsein miteinander, welche Form eine innere Bewegung annehmen darf. Der Moment, wenn du merkst, dass sich etwas in dir formt, bevor du weißt, wie du es ausdrücken sollst. Musik spielt dabei eine zentrale Rolle: Seit meiner Kindheit begleitet sie mich als eine Art zweite Wahrnehmungsebene. Viele meiner Bilder sind aus einem Klangraum heraus entstanden, der so lange in mir nachhallte, bis er eine sichtbare Struktur wollte.

In den folgenden Kapiteln zeichne ich nach, welche Frequenzen mich geprägt haben. Von den ersten Schallplatten meiner Kindheit über die Begegnungen mit Werken von Pollock, Richter, Rothko, Mitchell und Kiefer bis hin zu den Wegen, auf denen Sprache, Denken und Zeichnen sich in meiner Arbeit verschränken. Es geht um eine Spur: Wie aus Hören Sehen wird, wie aus Bewegung Form wird und wie aus all dem ein System von Resonanzen entsteht, das meine heutige künstlerische Praxis trägt.

Diese Einleitung ist eine Einladung an dich, die Räume dahinter mitzudenken. Lies die folgenden Abschnitte wie eine Partitur aus Erinnerungen und Impulsen. Die eigentliche Musik spielt in den Bildern.

Frequenzen des Anfangs

Wenn ich an meine ersten Klangerfahrungen denke, öffnet sich ein Archiv aus Stimmen, Melodien und Bewegungen. Ich war fünf Jahre alt, als ich zum ersten Mal Bad Moon Rising und Yellow River hörte. Diese Lieder waren wie kleine energetische Tore in eine Welt, in der Klang und Bewegung eins wurden. Später kamen Mike Oldfield, Tangerine Dream, Ashra Tempel, Can und Klaus Schulze dazu. Mit zwölf Jahren hielt ich meine erste Schallplatte in der Hand: Sheik Yerbouti von Frank Zappa. Und mit fünfzehn stand ich auf Konzerten von Grobschnitt, wo die Musik sich über Stunden dehnte, sich aufbaute und wieder auflöste. Die Langsamkeit, das Aushalten, das Eintreten in eine musikalische Umgebung. Das alles hat mein Empfinden für Zeit und Form geprägt.

Ich erinnere mich, wie ich mit vierzehn einen schweren Kassettenrekorder geschenkt bekam, groß wie eine Aktentasche. Ich stellte mir eigene Mixtapes zusammen, experimentierte mit Abfolgen, schnitt Übergänge. Schon damals habe ich gespürt, wie unterschiedlich Musik wirken kann, je nachdem, in welcher Reihenfolge man sie hört. Ich suchte mir Orte, die zu diesen Klängen passten: den Blick auf Baumwipfel im Wind, das Summen einer Fabrikhalle, den Wechsel von Licht und Schatten an einer Wand. Das Gefühl, wenn du in einen Klang eintauchst und alles um dich herum zu fließen beginnt. Für mich war das der erste Moment, in dem ich begriff, dass Klang Bilder erzeugt – und dass ich mich diesen Bildern hingeben konnte.

Musik war für mich Struktur, Atem, Bewegung. Sie war die erste Sprache, in der ich gedacht habe. Ich weiß noch, wie ich in diesen langsamen, aufbauenden Stücken von Tangerine Dream oder Klaus Schulze eine Art von Geduld gelernt habe. Die Fähigkeit, nichts zu beschleunigen, sondern einfach in einer Frequenz zu bleiben, bis sich aus ihr von selbst etwas Neues ergibt. Diese innere Haltung ist später zu einem Grundprinzip meiner Kunst geworden: sondern zuhören, beobachten, mitgehen.

Wenn ich heute Linien ziehe, ist das die Fortsetzung dieser frühen Klangarchitektur. Jeder Stiftstrich hat einen Rhythmus, jede Schichtung eine Tonlage. Ich zeichne, wie andere komponieren: aus Wiederholungen, Variationen, Pausen. Ein Bild wächst in Schichten, wie ein Musikstück sich entfaltet. Der Moment, in dem du im Fluss bist, in dem sich Bewegung, Denken und Wahrnehmen überlagern. Genau dort beginnt für mich Kunst: im Hineinhören.

Wahrnehmung und Zustand

Bevor ein Bild entsteht, gibt es einen Moment der Stille. Kein Ton, kein Plan, nur ein vages inneres Nachschwingen. Es ist der Zustand, in dem Wahrnehmung und Bewegung sich begegnen, bevor sie eine Form finden. Für mich beginnt Kunst im Körper. In der Art, wie ich mich bewege, wie ich atme, wie sich meine Aufmerksamkeit verlagert.

Ich erinnere mich an den ersten Moment, in dem ich verstand, dass meine Hand etwas wiederholen wollte, als hätte sie ihren eigenen Rhythmus. Es war, als würde ein innerer Taktgeber einsetzen, noch bevor ich wusste, was ich zeichnen will. Die Linie entsteht aus einer Schwingung, die bereits in Bewegung ist. Etwas will sich ausdrücken, und du bist nur das Medium, durch das es hindurchgeht. Genau dort, in dieser Zwischenzone, beginnt für mich der eigentliche künstlerische Prozess.

Jackson Pollock hat einmal gesagt, er fühle sich in seinem Werk „im Bild“. Nicht davor, nicht darüber. Ich glaube zu wissen, was er meint. Ich habe lange über diesen Moment nachgedacht, in dem die Farbe den Stock verlässt, frei in der Luft schwebt und noch nicht auf der Leinwand ist. In diesem Augenblick, zwischen Loslassen und Auftreffen, liegt die gesamte Spannung von Kunst. Es ist ein schwebender Punkt, an dem die Kontrolle endet und das Vertrauen beginnt. In meiner Arbeit ist dieser Moment der, in dem ich den ersten Strich setze, wissend, dass alles, was danach kommt, richtig sein wird.

Wenn ich zeichne, verliere ich das Zeitgefühl. Es gibt Phasen, in denen ich über 20 Stunden durchgearbeitet habe, ohne Schlaf, nur mit kurzen Unterbrechungen. Aus einem Zustand völliger Präsenz. Ich schlafe neben dem Bild, weil es sich anfühlt, als würde es noch atmen. Ich beobachte die Oberfläche, wie sie sich verändert, während das Licht über sie wandert. Jede Linie ist eine Entscheidung, jede Schicht eine Erinnerung daran, dass Tiefe aus Wiederholung entsteht.

Die frühen Jahre waren ein Experimentieren mit Material, mit Grenzen, mit Geduld. Ich hatte kein professionelles Licht, keine ausgefeilte Technik. Nur den Drang, diese Energie festzuhalten, bevor sie vergeht. Der Moment, in dem Hand, Auge und Atem synchron werden, ist bis heute der Zustand, in dem ich am klarsten bin. Vielleicht ist das der Grund, warum meine Linien nie als Entwurf gedacht sind. Sie sind Spur. Bewegung, die bleibt.

Einfluss und Echo

Wenn ich über Einflüsse spreche, beginne ich fast immer bei Jackson Pollock. Schon als Zwölfjähriger trug ich seinen Namen in mir, ohne ein einziges Werk gesehen zu haben. Der Begriff Action Painting war wie ein Rätsel, das sich erst Jahrzehnte später öffnete. Als während des Umbaus des MoMA einige seiner Werke in Berlin zu sehen waren, stand ich stundenlang davor. Im Kopfhörer: Velvet Underground, Talking Heads. Musik und Bild begannen sich zu überlagern, bis ich nicht mehr wusste, welche Schwingung von welcher Seite kam. Diese Riesenformate abstrakter Kunst – die Dauer, die sie in sich tragen, die Zeit, die sie vermitteln – haben mich geprägt.

2009 reiste ich in die USA, auf den Spuren dieser Energie. In Baltimore begegnete ich den Werken von Eugene von Bruechenheim – gegossene Lackfarben auf Holzplatten, schwere Materie in Bewegung. Und wieder war da dieses Gefühl: Kunst als Prozess, nicht als Produkt. Jede Oberfläche ein Zeugnis von Zeit und Entscheidung. Von da an wurde mir klar, dass auch meine Linien genau das sein sollten: sichtbare Zeit.

Pollock blieb nicht allein. Es gibt eine Linie von Künstlern, die mich begleitet. Richter, Rothko, Mitchell, Kiefer. Alle versuchen, einer inneren Energie eine Form zu geben. Bei Richter fasziniert mich das Changieren zwischen Kontrolle und Zufall; bei Rothko das Verschwinden der Form in Farbe; bei Mitchell die körperliche Wucht der Geste; bei Kiefer die Schwere des Materials, das sich fast selbst denkt. Ich erkenne in ihnen dieselbe Suche, die mich antreibt: das Sichtbarmachen von etwas, das nicht in Sprache passt.

Vielleicht ist das der Grund, warum ich mich in der abstrakten Kunst zuhause fühle. Ein abstraktes Bild lässt sich nicht planen. Es ist das Gegenteil von Illustration. Es entsteht aus dem Versuch, dem Unsagbaren eine Form zu geben. Jede Linie, jede Schicht ist eine Frage an das, was ich noch nicht verstehe. Und manchmal, wenn ich ein fertiges Bild betrachte, habe ich das Gefühl, dass es mich gemalt hat. Das Echo dessen, was ich gesucht habe, klingt dann noch lange nach. In Farbe, in Bewegung, in mir.

Sprache, Denken und Struktur

Am Anfang steht ein Bild. Bevor ich etwas sagen kann, sehe ich es. Linien, Richtungen, Farbflächen. Sie erscheinen im Inneren wie eine Landschaft, die erst später in Sprache übersetzt wird. In meinem Kopf beginnt der Prozess also mit einer Visualisierung, die das Denken in Bewegung bringt. Erst danach formuliere ich Worte, Sätze, Bedeutungen. Zwischen dem, was gedacht, und dem, was ausgesprochen werden kann, liegt eine Kluft. Genau dort entstehen meine Linien.

Ich habe mich schon früh für die Strukturen der Sprache interessiert. Für das, was Noam Chomsky als Tiefen- und Oberflächenstruktur bezeichnet hat. Diese Unterscheidung begleitet mich bis heute. In meiner Arbeit unterscheide ich zwischen dem, was sichtbar ist, und dem, was darunter liegt. Zwischen der Linie, die gezogen wird, und der Bewegung, aus der sie entsteht. Kunst funktioniert für mich nach demselben Prinzip wie Sprache: Oberfläche und Tiefe sind untrennbar, aber nie deckungsgleich.

Über viele Jahre hinweg habe ich in der Kommunikationsarbeit mit Menschen genau diese Übergänge erforscht. Ich habe gesehen, wie groß die Differenz sein kann zwischen dem, was jemand sagen möchte, und dem, was tatsächlich gehört wird. Zwischen Intention und Ausdruck, zwischen Wort und Handlung. Das ist dieselbe Zone, in der auch meine Bilder entstehen – dort, wo die Bedeutung noch formbar ist. Ich nenne das den Moment der Synchronisierung: wenn Hand, Gedanke und Empfindung denselben Takt finden.

Zeichnen ist für mich die Fortsetzung von Sprache. Die Linie erweitert das Wort. In beiden Fällen geht es darum, etwas Unsichtbares sichtbar zu machen – eine Struktur, die zwischen Denken und Ausdruck liegt. In diesem Raum, in dem die Farbe den Stift verlässt und noch nicht auf dem Papier ist, beginnt Verständigung. Es ist der Moment, in dem sich Denken in Form verwandelt.

 

Resonanz und Bewegung

Resonanz ist eine Form von Übereinstimmung. Ein Zustand, in dem sich etwas im Inneren mit etwas Äußerem verbindet. Wenn ich arbeite, suche ich genau diesen Moment. Ich möchte spüren, wie sich Bewegung, Gedanke und Klang in einer gemeinsamen Frequenz treffen. In diesem Zustand ist die Linie ein Ereignis.

Ich habe mich oft gefragt, warum Bewegung für mich so entscheidend ist. Vielleicht, weil Denken selbst eine Form von Bewegung ist. Ein Kreisen, Annähern, Verweilen. Wenn ich zeichne, bewege ich mich, auch wenn ich sitze. Wenn ich gehe, denke ich, auch wenn ich schweige. Meine Konzepte Mind in Motion und Coaching in Motion sind aus dieser Erfahrung entstanden: dass geistige Klarheit oft dort entsteht, wo physische Bewegung stattfindet.

Es gibt Momente, in denen ich kilometerweit fahre, ohne Ziel, nur um in diesen Zustand zu kommen. Eine Fahrt von Los Angeles nach New York – drei Tage, fast ohne Pause. In Europa von Nordfinnland bis Sizilien. Die Straße, das Licht, die wechselnden Farben am Horizont – alles wird zu einem fortlaufenden Muster, einer sich bewegenden Komposition. Wenn ich aus dem Augenwinkel hinausschaue, verschwimmen Formen zu Flächen, Objekte zu Bewegungen. Das, was bleibt, ist der Rhythmus. Genau diesen Eindruck versuche ich auf Papier zu übertragen.

Bewegung erzeugt Resonanz. Sie bringt Körper, Denken und Wahrnehmung in einen gemeinsamen Takt. An manchen Orten gelingt das leichter. Veyers Strand in Dänemark ist einer davon. Dort, wo Wind und Licht ineinander übergehen, wo Wellen, Wolken und Horizont denselben Atem teilen, entsteht für mich der ideale Resonanzraum. Dort beginne ich zu verstehen, dass Kunst ein fortlaufender Zustand von Bewegung ist.

Resonanz bedeutet für mich, in Verbindung zu sein – mit dem, was war, und dem, was noch nicht ist. Es ist das Gefühl, dass jede Linie, die ich ziehe, auch eine Antwort enthält. Vielleicht ist das die einfachste Form von Dialog, die es gibt: ein Gespräch zwischen Innen und Außen, geführt in Farbe und Bewegung.

Viele meiner Ideen entwickeln sich erst, wenn sie in Resonanz mit anderen treten. Wenn dich etwas anspricht oder du Fragen hast, melde dich gern. Ich schätze den Dialog ebenso wie das Zeichnen selbst.

©Christian Pessing. Alle Rechte vorbehalten.

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