Künstlerische Herleitung

In den folgenden Abschnitten beschreibe ich, wie meine künstlerische Arbeit entstanden ist. Von den ersten Linien in einer Phase des Umbruchs bis zu den großformatigen Werken, die ich heute zeichne. Es ist ein Weg von Bewegung und Resonanz, von Konzentration und Befreiung. Die Herleitung zeigt, wie sich aus einem Experiment eine Sprache entwickelt hat, in der Denken, Material und Energie miteinander in Beziehung treten.

Ausgangspunkt: Eine Linie in der Krise

Meine heutige künstlerische Arbeit beginnt im Jahr 2008. In einer Phase, in der vieles unsicher war. Ich war 44 Jahre alt, lebte in Berlin und arbeitete als Trainer und Coach im Umfeld von Präsentation, Führung und Kommunikation. Dann brach im Zuge der Finanz- und Mobilitätskrise ein großer Teil meiner Aufträge weg. Äußerlich stand ich an einem Punkt, an dem ich meine berufliche Grundlage neu überprüfen musste. Innerlich suchte ich nach einer Form, die dieser Unsicherheit etwas entgegensetzt.

Mein ursprünglicher Plan war es, eine Mindmap zu zeichnen, um mein zukünftiges Leben zu sortieren. Statt Stichworte und Äste entstanden Kringel, Linienbündel und Zwischenräume. Ich merkte, dass mich das Wiederholen der Linien beruhigte. Es war, als ob die Bewegung der Hand meinem Denken eine andere Struktur gab.

Dabei erinnerte ich mich an eine Übung aus der ersten Schulklasse: mit Feder und Tusche Wellenlinien ziehen, dicht nebeneinander, mit kleinen Abweichungen, bis sich Muster bilden. Vermutlich würde man das heute „Doodling“ nennen. Für mich war es eine Rückkehr zu einer stillen, konzentrierten Bewegung.  Der einzige Zweck war, ein ruhiges, stilles Erfolgserlebnis wahrnehmen zu können.

In dieser Zeit entstand der Gedanke, zum ersten Mal in meinem Leben ein Bild ausschließlich für mich zu machen. Ohne Auftrag, ohne Erwartung, ohne Bewertung.

Vom Denken zur Linie

Am Anfang stand kein Konzept von „Kunst“. Es stand ein leeres Blatt, das frei war von Konkurrenz, Bewertung und Vergleich. Ich hatte das Gefühl, nach vielen Jahren in Schule, Studium und Beruf wieder etwas tun zu dürfen, das nicht gemessen wird.

Schnell wurde aus einem Blatt eine Serie von Blättern. Ich habe die Nächte durchgezeichnet, bin kaum ins Bett gegangen, habe einfach weitergemacht, weil die Bewegung der Hand und das Entstehen der Farben so tief befriedigend waren.


Ich kann nicht im klassischen Sinne räumlich zeichnen. Keine perspektivisch korrekten Stillleben, keine realistischen Porträts. Was ich kann, ist meine geistige Bewegung in organischer Form auf Papier zu bringen.

Diese Einsicht hat mich von der Frage befreit, was ich nicht kann, und meinen Blick darauf gelenkt, was sich tatsächlich durch mich ausdrückt: Linien, die sich verdichten, Kreise, die sich öffnen, Farbflächen, die wie Felder von Energie wirken.

Material als Partner

Sehr früh traten bestimmte Materialien in den Vordergrund: Hartkernbuntstifte von Schwan Stabilo, Reinzeichenkarton und glatte, feste Papiere. Mich interessierte, wie präzise eine Linie sein kann, bevor sie zu starr wird und wie sich Farbe schichten lässt. Die Kombination aus hartem Stift und glattem Karton wurde zu einem Dialog zwischen Druck und Gleitbewegung, Widerstand und Fluss.

Aus meinem Hintergrund als Tischler und Restaurator kannte ich den Respekt vor Material: Holz, das nicht beliebig formbar ist; alte Fenster und Türen, die Spuren von Jahrzehnten tragen. Diese Haltung übertrug ich auf Papier und Stift. Ich wollte eine klare, ehrliche Oberfläche, die jede Linie sichtbar macht.

Mit der Zeit entwickelte sich daraus eine Technik, in der die Reihenfolge alles entscheidet. Buntstift lässt sich kaum „zurücknehmen“: Was einmal gesetzt ist, bleibt. Ich musste früh entscheiden, welche Linie oben verläuft, welche darunter, wie eng die Abstände sind, wie die Schichten aufeinander reagieren.

Aus einem spontanen Beginn wird eine präzise, fast prozessorientierte Arbeitsweise.

Erste Resonanz von außen

Nach einiger Zeit war ich nicht mehr allein mit diesen Bildern. Freunde sahen, was ich tat. Manche gaben allgemeines Lob. Entscheidend waren jedoch die Hinweise, die konkreter waren:

Die Beobachtung, dass offenbar niemand mit genau dieser Kombination aus Hartkernbuntstift, glattem Karton und organisch-abstrakter Linienführung arbeitet. Die Anregung, zwei Jahre lang nicht im Internet zu recherchieren, was andere mit Buntstiften tun. Die Empfehlung, keine Ausstellungen zu besuchen, um meine eigene Handschrift zu schützen.

Ein wichtiger Wendepunkt war die Einladung von Schwan Stabilo: Meine ersten Arbeiten wurden im Headquarter ausgestellt. Plötzlich musste ich Preise festlegen, Bilder rahmen, eine kleine Übersicht zusammenstellen. Ich wurde gebeten, einen Tag in der Firmenkantine zu zeichnen, während Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter mir zuschauten und Fragen stellten.

Der erste Verkauf, ein großes Bild aus meiner Elements-Serie, war mehr als ein ökonomischer Erfolg. Er fühlte sich an wie ein Moment der Bestimmung: Jemand erkennt, was ich aus reiner innerer Notwendigkeit gemacht habe, als etwas Wertvolles.

Diese Resonanz von außen ist ein persönlicher Ausgleich. Eine Sprache, die von anderen gelesen werden kann.

Rückzug, Rausch und große Formate

2010 verließ ich Berlin und zog nach Nürnberg. Ich wollte mich von meinem bisherigen Image als Trainer und Coach lösen und sehen, was geschieht, wenn ich der künstlerischen Arbeit den größten Raum gebe.

Im Dachgeschoss meines Freundes Dirk entstanden in den folgenden Jahren die größten Buntstiftbilder meines bisherigen Schaffens, darunter Jackson – Hommage an Jackson Pollock. Ich habe tagelang nicht geschlafen, wochenlang das Haus nicht verlassen, Linien gezogen, Flächen verdichtet, Kreise aufgebaut. Meine Fingerkuppen wurden taub, die Ellbogengelenke schmerzten.

Aus irgendeinem Grund begleitet mich der Begriff Action Painting seit meiner Jugend. Zwischen 2009 und 2011 bin ich mehrfach in die USA gereist, um Jackson Pollocks Werke im Original zu sehen. Von Los Angeles bis New York, in fast jedem Museum, in dem seine Bilder hängen. Autumn Rhythm gehört zu jenen Arbeiten, an denen ich mich kaum sattsehen kann. Ich habe im Atelier Pollocks gesessen, in dem Haus, das seine Frau Lee Krasner erhalten hat, und dort eine kleine Zeichnung begonnen – eine stille Hommage an den Ursprung der Bewegung, die mich bis heute fasziniert.

Diese Begegnungen, ebenso wie Einflüsse anderer Künstlerinnen und Künstler, denen ich mich verbunden fühle, schildere ich an anderer Stelle ausführlicher.

Rückblickend war diese Zeit eine Phase, in der ich die Grenzen meines Körpers und meiner Konzentration ausgelotet habe. Es war keine geplante Strategie, sondern ein Rausch der Konsequenz: Wenn diese Sprache mich gefunden hat, wollte ich sie vollständig aussprechen.

Parallel dazu habe ich meinen Arbeitsraum erweitert: Ich stellte fest, dass Zeichnen im Zelt an der Luftfeuchtigkeit scheitert. Daraus entstand die Idee eines mobilen Ateliers in Form eines Wohnwagens – später ergänzt durch ein Wohnmobil. Regionen wie Hammerfest, Sizilien oder die Mitternachtssonne wurden zu Resonanzräumen, in denen Landschaft, Licht und Bewegung in Kreise, Linien und Farbstrukturen übersetzt wurden.

Zeit, Verantwortung und Verdichtung

Mit der Nachricht, dass ich Vater werde, trat eine neue Dimension in mein Leben. Verantwortung, Zukunft, Alltag. All das musste mit der künstlerischen Praxis verbunden werden.

Wir kehrten nach Berlin zurück. Ich fand einen Platz in einer Ateliergemeinschaft, lebte zeitweise in einer Art Künstler-WG, arbeitete weiter an meinen Bildern und gleichzeitig wieder verstärkt als Trainer und Coach.

In dieser Phase habe ich die Welt meiner Kunst mit der meiner Tätigkeit als Trainer, Coach und Berater verbunden. In Coachings und Trainings beobachtete ich Denkbewegungen, Sprachmuster, innere Bilder von Menschen. In meinen Zeichnungen suche ich genau das: Spuren innerer Bewegung, Verdichtungen, Übergänge, Spannungslinien.

Aus dieser Verbindung entstanden Auftragsarbeiten, bei denen ich mit Menschen in eine Art geführten inneren Dialog gehe, bevor ich zeichne. Wir entwickeln gemeinsam eine Vision oder ein Gefühl, das später in einer abstrakten, surrealen Landschaft sichtbar wird. So wird das Bild zu einem Resonanzkörper für eine sehr persönliche Erfahrung.

Kunst als Resonanzsystem

Heute verstehe ich meine künstlerische Arbeit als Teil eines größeren Resonanzsystems.

Ich arbeite weiter mit Hartkernbuntstiften auf glatten Papieren und Karton, ziehe Kreise, baue Schichtungen auf, folge Linien, die sich wie Spuren von Gedanken verhalten. Die Themen haben Namen wie Resonanzräume, Slow Motion, Amöbus & Stele oder Mitternachtssonne. Oft in Verbindung mit Musik, Landschaften oder biografischen Momenten.

Gleichzeitig arbeite ich als Kommunikationsexperte daran, wie Menschen miteinander und mit Maschinen sprechen. In beiden Feldern geht es um dasselbe: Wie wird aus inneren Bewegungen eine Form? Wann beginnt ein Prozess zu schwingen? Wo entsteht Verbindung?

Wenn ich heute zeichne, interessiert mich, wie sich Energie in Form verwandelt, wie Linien, Schichten und Farbe miteinander in Spannung stehen und schließlich zu einem ruhigen Ganzen finden.

Meine mobilen Ateliers an der Nordsee, in Skandinavien oder im Industriepark in Duisburg geben mir die Freiheit, diese Fragen dort zu bearbeiten, wo Raum, Licht und Umgebung unmittelbar spürbar sind. Die Bilder, die dort entstehen, sind Verdichtungen von Situationen – Echos von Momenten, die sich auf Papier fortsetzen.

Resonating Echoes

Ich freue mich über den Austausch mit Menschen, die sich für den Zusammenhang zwischen Kunst, Bewegung und Kommunikation interessieren – sei es in Form eines Gesprächs, eines Besuchs oder eines gemeinsamen Projekts.

©Christian Pessing. Alle Rechte vorbehalten.

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